Toponomastik

Eine Einführung in die Ortsnamenforschung


Namen sind ein Sprachstoff von besonderen Eigenschaften. Obwohl auch sie – nicht anders als das appellativische Wortgut der verschiedenen Sprachen – erst seit Beginn einer schriftlichen Tradition überliefert sind, in Inschriften also und literarischen Denkmälern aller Art, gehen sie doch in ihrem Alter häufig genug weit über den jeweils in den betreffenden Texten fixierten Sprachzustand hinaus, d.h. sie leben oft als ein nicht-homogenes, nicht ursprungsgleiches Wortmaterial innerhalb dieser Sprachphasen fort, wie Fossilien gleichsam, versteinerte Reste einer früheren, vielfach längst vergangenen Zeit.

Am wichtigsten und aufschlussreichsten sind in diesem Sinne die Ortsnamen, mehr jedensfall als Personen- und Götternamen. Denn Ortsnamen sind bodenständig, sind raumgebunden; und es ist eine für die Forschung ungemein wertvolle Erfahrungstatsache, eine Regel, die fast einem Gesetz gleichkommt, dass die Ortsnamen – und zwar Ortsnamen in weitesten Sinne, also Fluss- und Bergbezeichnungen, Landschafts- und Siedlungsnamen – sich bei einem Wechsel der Bevölkerung vielfach mit grösster Zähigkeit erhalten, dass sie bei einem solchen Wechsel nicht verschwinden, sondern in den meisten Fällen von den neuen Herren eines Landes übernommen und von ihnen – wenn auch manchmal unverstanden – beibehalten und in die eigene Sprache eingegliedert werden, um in ihr – eben wie Fossilien – weiter zu bestehen.

Als die dauerhaftesten und altertümlichsten unter allen Eigennamen, dauerhafter als Siedlungsnamen und altertümlicher selbst als Gebirgsbezeichnungen, haben sich die Gewässernamen erwiesen. Sie sind in weitesten Teilen Europas die frühesten Zeugen menschlicher Geschichte und Daseinsführung. (Hans Krahe)

Die vielen Ortsnamen, die sich noch heute kaum interpretieren lassen, deuten auf ein hohes Alter. Sie sind sozusagen Relikte aus der Vorgeschichte und man kann sie als die ältesten Zeugnisse der menschlichen Sprache bezeichnen.

Alte schriftliche Überlieferungen eines Ortsnamens gehen oft aus kirchlichen oder notariellen Urkunden hervor, die in Latein verfasst wurden. Nicht immer lässt sich aus diesen Quellen eine präzise Form gewinnen, weil von den Schreibern oft mehrere Varianten, d.h. verschiedene ähnlich lautende Formen für denselben Namen verwendet wurden.

Wie zuverlässig sind überhaupt alte Überlieferungen? Alte Schreibungen stellen nichts anderes dar, als den Versuch, einen bis dahin nur mündlich überlieferten Ortsnamen schriftlich festzulegen.

Mündliche Überlieferungen, aus Dialekten hervorgegangen, sind älter als die ältesten Schreibungen. Sie unterliegen Schwankungen, die den Dialekten eigen sind und lassen sich vor ihrer endgültigen schriftlichen Festlegung schwer in einer präzisen Form erfassen, insbesondere wenn sie Relikten verlorengegangener Umgangsformen entsprechen.

Viele Ortsnamen, die sich noch heute kaum interpretieren lassen, deuten auf Umgangsformen, die zur Zeit des Werdeganges der historischen Sprachen nicht mehr bekannt waren. Sie hatten im Laufe der Zeit ihre ursprüngliche Bedeutung verloren und konnten somit von der werdenden Sprache nicht erfasst werden. Oft geschah es, dass diese Ortsnamen mit ähnlich lautenden Namen gleichgesetzt wurden, die aber in der neuen Sprache eine ganz andere Bedeutung besassen.

Die Benennung von Flur-, Orts- und Flussnamen vor ihrer schriftlichen Erfassung muss von grosser Bedeutung gewesen sein, denn nur mit einem Namen versehen, konnten diese identifiziert, lokalisiert und voneinander differenziert werden.

Es ist anzunehmen, dass neue Siedlungen zwecks Identifizierung und Lokalisierung gleich bei der Gründung benannt wurden. Der Name einer Siedlung dürfte wohl Merkmale hervorheben, die mit dem Anfang der Siedlung in Zusammenhang stehen und nicht mit dem Ende ihrer Entwicklung. Bei der Benennung einer neuen Siedlung muss der Name des für die Siedlung gewählten Gebietes, d.h. die dazu bestimmte Lage, eine Rolle gespielt haben, denn diese Lage war schon vor der Gründung bekannt und daher mit einem Namen versehen.

Die Benennung einer neuen Siedlung müsste also Merkmale hervorheben, die die Lage der Siedlung betrafen.

Diese Entwicklung wird noch heute bestätigt durch die vielen Orte, die einem Gewässer ihren Namen verdanken. Diese Namen gehören der Urlandschaft an und sind als sehr alt einzustufen.

So sind gerade die Gewässernamen dank den angedeuteten Eigenschaften unter allem linguistischem Quellengut am meisten geeignet, den Prozess des Werdeganges der mensch- lichen Sprache zu verfolgen und in seiner Entstehungsphase zu rekonstruieren.

Anhand von geomorphen Formen, die sich für die Bildung von Gewässernamen verwenden lassen und aus denen viele Flur-, Landschafts-, Siedlungs- und Bergnamen entstanden sind, werden in diesem Buch verschiedene mögliche Varianten dieser Namen dargestellt, in ihrer von Mundarten geprägten Vielfalt.

Diese Sammlung hat den Zweck Anhaltspunkte zu bieten, für die Deutung von Ortsnamen aus geomorphen Namen. Sie soll außerdem zeigen, wie nuancenreich die Benennung eines Gewässers erfolgen kann und wie sich durch diese Formen die Theorie über die Entstehung der Sprache bestätigen lässt.

Zweck dieser Sammlung ist es auch Anregungen zu bieten, für einen Versuch, Entstehung und Entwicklung der Sprache aus Naturerscheinungen zu begründen, zu verfolgen und zu rekonstruieren.

Dazu sollen hier auch die nicht rein geomorphen Formen dienen, die ausgewählt worden sind, um eben Möglichkeiten und Vielfalt an Formen zu zeigen, welche aus Naturnamen hervorgehen und sich entfalten können.



Toponomastik – Eine Einführung in die Ortsnamenforschung
Verlag: epubli GmbH
Berlin 2016
ISBN: 9783737587204