Die menschliche Sprache

Entstehung und Entwicklung

Dieses Buch ist das Ergebnis einer langjährigen Forschungsarbeit mit dem Ziel, Vorgänge zu rekonstruieren, die den Ursprung der Sprache ermöglichten.

Von der Ortsnamenforschung ausgehend, wurde die Sprachentwicklung intensiv zurückverfolgt mit dem Schluss, dass sich menschliche Sprache auf sehr einfache Vorgänge gründet.

Wie die Wissenschaft heute lehrt, stützt jedes Phänomen in der Natur – so kompliziert es auch sein mag – seine Grundlage auf sehr einfache Elemente. Alles in unserer Welt – von den Galaxien bis zu pflanzlichem und menschlichem Leben – setzt sich zusammen aus wenigen Urbauteilchen. So vielgestaltig die Natur ist, ihr Formenreichtum basiert auf Spielarten ein und derselben Grundmaterie. So, aus nur drei Grundfarben lässt sich eine schier unendliche Farbpalette bilden und aus sieben Noten kann eine nicht auszuschöpfende Fülle von Klangkombinationen entstehen. Ausserdem, wie die moderne Biologie lehrt, hat sich das Leben auf der Erde spontan entwickelt: durch das ständige Zusammenwirken von Zufall und Notwendigkeit.

In ihren Anfängen konnte Sprache – von Naturmenschen artikuliert – nur nach in der Natur üblichen Vorgängen und zwar auf sehr einfache Weise entstehen und sich so weiterentwickeln..

Nach den Ergebnissen dieser Forschung verdankt die Sprache ihre Entstehung ein und derselben Grundvorstellung des Vorzeitmenschen dem Bild des Wachsens, das instinktiv als Vorlage für die Formung der ersten Worte diente. Dies geschah durch Zufall, spontan, und Notwendigkeit, d.h. Verständigung tat not.

Dank der mannigfaltigen Ausdrucksmöglichkeiten der Stimmwerkzeuge liess sich diese Grundvorstellung mittels vieler voneinander verschiedener Urformen als erste Worte bilden. Durch Reduplikation dieser Urformen konnten immer neue Worte entstehen, die sich in den Zeitläufen zu einem komplexen und differenzierten Gebilde weiterentwickelten.

In der Entstehungsphase der Sprache wurden Gegensätze nicht durch Differenzierung ausgedrückt, sondern sie waren Erscheinungen ein und derselben bildlichen Vorstellung.

„Altitudo“ meint gleichzeitig Höhe und Tiefe. „Bathós“ bedeutet zugleich Höhe, Länge, Grösse und Fülle. Anfang und Ende waren inverse Begriffe: es hing nur davon ab, von welcher Seite man sie betrachtete.

Als Ausdruck einer bildlichen Vorstellung mit gleichem Bedeutungsgehalt lassen sich u.a. auch so gegensätzliche Begriffe wie konkav und konvex, Fülle und Leere, Wärme und Kälte, Licht und Dunkelheit, Zeit, Raum, Farben, Zahlen u.s.w. erklären.

Man kann das Konzept des Schwellens d.h. des Wachsens, Sichausdehnens, Grosswerdens als Motor der Sprache definieren. Dieses Bild will auf einfache Weise deutlich machen, wie menschliche Sprache möglich werden konnte. Es bietet zugleich der Sprachwissenschaft eine Handreichung für eine weiterausbaufähige Forschung.

Die Sprachwissenschaft hat nämlich bisher eine heute nicht mehr vorhandene Ursprache postuliert und diese zu rekonstruieren versucht. Die menschliche Sprache hat sich aber erst in einem Jahrzehnttausende währenden mündlichen Prozess entwickelt, bevor die Schrift erfunden wurde.

Die historischen Sprachen sind aus Mundarten hervorgegangen, die sich mangels fehlender schriftlicher Überlieferungen nicht erfassen und rekonstruieren lassen. Wenn dies dennoch geschieht, müssen Kunstgriffe unvermeidlich sein.

Unsere prähistorischen Vorfahren konnten noch nicht über eine festgeschriebene Grammatik verfügen und Erscheinungen wie Lautlehre, Wortbildung und Sintax einordnen, wie Linguisten auch noch heute voraussetzen.

Die Sprache der prähistorischen Zeit war das Kommunikationsmittel von Naturmenschen. Erst als die Sprache schriftlich fixiert zu werden begann, und zwar von Priestern, Dichtern, Philosophen, Grammatikern, Landvermessern und Steuereintreibern, ging ihre Spontanäität nach und nach verloren.

Selbst das geschriebene Wort bietet noch keine Gewähr für eine in allen grammatikalischen Erscheinungen einheitliche Kultursprache, es sei denn sie wäre tot wie das Latein.

Wie ungesichert und damit ungenau der Übergang von Dialekten zu Kultursprachen war, lässt sich aus vielfältig dokumentierten Sprachdenkmälern germanischer Zunge ablesen.

Daher ist es notwendig, zwischen vorgeschichtlichen Mundarten und historischen Sprachen eine deutliche Trennungslinie zu ziehen: denn die einen sind Produkt des Spontanen und Zufälligen; die anderen hingegen Ergebnis der Rationalität.

Erst seit der Erfindung des Buchdruckes, seit den Gebrüder Grimm und Konrad Duden, seit Einführung der Schulpflicht und seitdem es Rundfunk und Fernsehen gibt, wurde der Prozess sprachlicher Vereinheitlichung mehr und mehr verfestigt. Dennoch befindet sich Sprache weiter in ständigem Wandel. Wie hätte es also eine regelgerechte Ursprache oder gemeinsame Sprache geben können?



Die menschliche Sprache – Entstehung und Entwicklung
Verlag: epubli GmbH
Berlin 2015
ISBN: 9783737574778